Zwischen Chemo und Chips – Kimis Kampf gegen den Krebs

Heilung – das ist ein großes Wort. „Heilung“, sagt Monira Lemke, „ja, wenn das möglich wäre.“ Aber es sieht nicht so aus, als ob für ihren Sohn Kimi alles heil, alles gut werden soll.

Als er im April 2008 geboren wird, merkt die Mutter schnell, dass etwas nicht stimmt. Der Kleine hat Schmerzen. Da ist sie sich sicher. Er schläft nicht, schreit, hält seine Umgebung auf Trab. Die Ärzte, die sie aufsucht, zeigen unverhohlen, was sie von der zweifachen Mutter halten: „Hysterisch.“ Monira Lemke ist verzweifelt, fährt bis nach Itzehoe mit ihrem kleinen Sohn. Dort, endlich, nimmt ein Kinderrheumatologe sie ernst. Ein Untersuchungsmarathon beginnt. Die Diagnostik ist aufwändig. Kimi muss ins Universitätsklinikum Eppendorf nach Hamburg. Und als sie im Herbst 2009 die niederschmetternde Diagnose bekommt, ist Monira Lemke beinahe erleichtert: „Krebs, ein Neuroblastom.“ Die 35-Jährige macht sich gerade. „Jetzt“, sagt sie, „können wir jedenfalls etwas tun.“

Irgendwo zwischen Tod und Leben

Und die Familie tut. Die Eltern begleiten jede Therapie ihres kleinen Sohnes kritisch. Sie teilen sich auf. Einer ist bei Kimi, einer bei seiner drei Jahre älteren Schwester Mia. Sie soll „nicht hintenan stehen“ und sie glaubt unerschütterlich daran, dass ihr Bruder wieder gesund werden wird. Und er? Er hält sich „wie ein Großer“, wird operiert, bekommt Medikamente, verliert Haare – aber nicht die gute Laune. 16 Monate lang existieren die Vier irgendwo zwischen Tod und Leben. Dann scheint es geschafft. Kimi wird als geheilt entlassen. Seine Schwester Mia stellt fest: „Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie.“

Tatsächlich – die Lemkes sind eine richtige Familie, die das Leben genießen kann – bei allen Problemen, die es mit sich bringt: Die Ehe zwischen Monira und Steffan scheitert. Als Eltern halten sie zusammen. Die gemeinsame Wohnung bleibt das Zentrum der Familie. Die Kinder sollen ihr Zuhause, ihre Wurzeln behalten. Hier – auf einem ehemaligen Bauernhof an der Ostseeküste – leben auch andere Familien, Kinder, Tiere. Hier haben sie Freunde, ihre vertraute Umgebung, ein kleines bisschen heile Welt mit Trampolin springen und Fußball spielen.

Der Schrecken kehrt zurück

Der Schrecken kehrt nach zwei Jahren zurück und jetzt mit voller Wucht. „Rückfall, Rezidiv“, berichtet Monira den entsetzten Nachbarn und Freunden. Alle wissen, was das bedeutet. Die Mutter selbst hat es immer gesagt: Die Chancen zu überleben stehendann  schlecht. Und dennoch wird gelacht und gelebt, frei nach dem Motto „zwischen Chemo und Chips“. „Chips“, das bedeutet für Kimi Freizeit und „Chemo“, das ist sein Job. Inzwischen kann er sprechen und antwortet äußerst lässig auf eine Einladung: „Da komm ich, da hab ich frei.“ Doch sein kleiner Körper kämpft nicht mehr allein gegen den Krebs. Jetzt heißt der Dämon HLH – Hämophagozytische Lymphohistiozytose, eine Lungenkrankheit, nicht weniger tückisch und genauso tödlich wie der Krebs.

Das Luftholen wird zur fast unlösbaren Aufgabe für den willensstarken Knirps, der beschließt, seinen sechsten Geburtstag mit einem Riesenfest zu feiern, mit Hüpfburg und fetten Ami-Straßenkreuzern, die er cool findet, und hunderten Leuten. Familie, Freunde, Ärzte, Schwestern – wer kann, kommt. Es wird ein rauschendes Fest mit einem Geburtstagskind, das seine Sauerstoffflasche immer dabei hat, Schläuche in der Nase, ein Lächeln im Gesicht. Und trotz des fröhlichen Festes ist wohl vielen Erwachsenen auch zum Weinen zumute: „Was muss dieser kleine Kerl alles aushalten?“, sagt eine Frau.

Wie geht es weiter?

Die Geschwister streiten darum, wer zuerst sterben wird. „Wenn Du sterben musst, dann sterb ich vorher“, sagt Mia. Kimi, der kleine Kimi, schüttelt den Kopf. „Ich bin krank. Du nicht.“ Seine Schwester reagiert mit Verlustängsten. Räumt die Mutter den Kaufmannsladen auf, beginnt die Achtjährige zu weinen: „Lass das, da hab ich das letzte Mal mit Kimi gespielt!“

Dann, wenig später, kommt der Tag, an dem der kleine Patient keine Luft mehr bekommt. Notaufnahme, Intensivstation Kiel, künstliches Koma. Die Familie verbringt die ersten Tage gemeinsam im Elternhaus der Klinik, Mia ist von der Schule befreit. Alle sind auf das Schlimmste vorbereitet. Jeden Tag kann es vorbei sein. Und dann kommt der kleine Kämpfer zurück. Schritt für Schritt, Stunde für Stunde ist er wieder da, wach und obwohl er nicht sprechen kann – ein Luftröhrenschnitt – macht er klar, was er will: „Cola.“

Wie geht es weiter? Steffan und Monira Lemke wissen es nicht. Freunde und Familie helfen, zumindest die schlimmste finanzielle Not zu lindern. An Arbeit ist für beide nicht zu denken, aber die Fahrten zwischen dem heimatlichen Langballig und Kiel kosten viel Geld. Und Mia soll nicht die ganze Zeit in der Klinik sitzen. Sie macht Reiterferien. Und die ganz normalen Lebenshaltungskosten sind auch noch da. „Das geht schon irgendwie“, sagen die Lemkes. Aber es ist schwer. Als Freunde die beiden überreden, ein Spendenkonto einzurichten und auf Facebook öffentlich zu machen, sind sie froh. Sie können jetzt mit ihren Gedanken ganz bei Kimi sein und wer weiß. Heilung, Wunderheilung – das hat es ja alles schon gegeben.

Spendenkonto: Monira Lemke
(da Kimi 6 Jahre alt ist).
Verwendungszweck: Hilfe für Kimi
Bic:Nolade21Nos
Iban:DE42217500000164558413

Text: Anette Schnoor